|
Loop Musikzeitung, Reto Baumann
Publiziert: März 1997
He's got the look
"Video ist ein Medium, das der Sampling-Kultur gerecht wird", findet Ivan Engler. Und nicht nur er. Seit der Video Jockey 1995 mit seinem Clip "Optical Noize IV" den nationalen Förderpreis des Internationalen Film- und Videofestivals Viper in Luzern gewonnen hat, ist er ständig ausgebucht.
Im Film "Videodrome" von David Cronenberg schiebt sich die Hauptfigur Max Renn in einer besonders effektvollen Szene eine Videokassette in den Bauch; so sehr ist er abhängig von visuellen Reizen, dass auch sein Körper schon nach ihnen giert. Bilder, die durch den Magen gehen.
Ivan Engler mag David Cronenberg. Weil das Werk des Kanadiers stets diejenigen Themen umkreist, die auch ihn, der zurzeit an der Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst die Film- und Videoklasse besucht und an Wochenenden als Video-Jockey (VJ) auf Parties und an Konzerten unterwegs ist, brennend interessieren. Und weil auch er wie Cronenberg im Grunde Purist ist.
"Ich ärgere mich jedes Mal, schaue ich MTV oder VIVA, wenn ein Musikclip wie ein Kinofilm gestaltet ist. Da wird man dem Medium Video nicht gerecht, verleugnet man doch dessen beschränkte Bildauflösung und suggeriert so einen Pseudo-Realitätsanspruch, den das Medium gar nie erfüllen kann."
Engler spricht mit den Worten Marshall McLuhans, dessen "Understanding Media" bei ihm zuhause auf dem Nachttisch liegt (und den natürlich auch Cronenberg vorzugsweise zitiert).
"Jedes Medium kann nur bestimmte Botschaften transportieren, eine Eisenbahn beispielsweise verfrachtet Güter und Personen. Mit Video transportiert man im vergleich zum Film durch dessen low resolution automatisch eine abstrahierte Form. Dieser ist bei der Bildgestaltung Rechnung zu tragen. Wer das nicht tut, dem fehlt das mediale Bewusstsein."
Mitten im Leben
Es hat jedoch einen weiteren Grund, wieso Engler in den drei Jahren, seit er Video für sich entdeckt hat, erst einen einzigen offiziellen Clip realisiert hat (Swandive, "Innocent", 1996)
"Mir fehlt da der Aspekt der Echtzeit. Da kann ich nicht einfach drauflosfilmen." Was Engler sucht, ist Dynamik, die schnelle Montage. Das direkte verarbeiten von Klängen, die Synthetisierung von Musik und Bild. "Video ermöglicht es, gesamplete Bilder wiederzugeben, ist also das visuelle pendant zum Musik-Sampler. So sollte man das Medium auch nutzen."
Ausser bei seiner Arbeit für die Zürcher Swandive, deren Live-Auftritte er mit Bildern unterstützt und dafür 1997 zusammen mit der Band am Paleo Festival in Nyon mit dem "Prix Special pour originalite et professionalisme" ausgezeichnet wurde, will Engler mit seinen Videoanimationen auch keine Geschichten erzählen.
Analog dem Aufbau eines elektronisch generierten Musik-Tracks schichtet Engler seine Bilder, baut mit Farben und Formen mal leicht schräge, mal symmetrische Geometrien auf, die er auf ihr Skelett seziert in rhythmischer Folge aneinanderhängt, mit realen Sequenzen aus "Alien" oder "Blade Runner" anreichert.
Sich durch die Kanäle zappen, die visuelle Animation für das akustische Erlebnis liefern, verfremdet, gefiltert. Eintauchen im Takt der Musik. In Echtzeit. Das Gefühl, mitten im Leben zu stehen.
Im Grunde versteht sich Engler als Musiker, der an einer Party gemeinsam mit dem DJ jammt. Schliesslich verfügt er selbst über ausreichend Taktgefühl; seit seiner Jugend gehört sein Herz dem House, neuerdings auch dem Drum&Bass, den er als Ivan E. unter anderem selbst produziert. "Weil diese Musik sehr direkt, sehr minimalistisch und sehr unvollendet ist." Und Raum lässt für Bilder.
Drei Aufträge die Woche sind heute für den Video-Jockey keine Seltenheit. "Und ich könnte mich leicht noch häufiger anstellen lassen. Anscheinend entspricht meine Arbeit einem Bedürfnis. Ich denke, vielen Leuten geht es wie mir. Sie haben genug von der Hochglanz-Ästhetik, die sich in vielen Video-Clips vermittelt."
Der Reiz des Unperfekten, den Engler mit seinen super-reduktionistischen, nervös tanzenden Bildwürfen bewusst pflegt. Die überarbeitete, weitergeführte Ästhetik der 80er, als Clips von visuellen Künstlern gestaltet wurden, im Tempo der 90er. Visual Music am Puls der Party. Jetzt und heute, in real time.
"Der Moment ist für mich entscheidend, die fortwährende Metamorphose. Aber das ist schliesslich charakteristisch an der heutigen Zeit. Alles ist im Fluss."
|
|
prev |
next |
|
|