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Stefano Monachesi über Ivan Engler
August 1997
Rush
Der Winterthurer Ivan Engler hat mit Videoanimationen zu Technomusik international Anerkennung gefunden. Aber der 26 Jährige Workaholic ist noch in vielen anderen Bereichen aktiv.
Rhythmische Technomusik hämmert aus den Lautsprechern. Auf einer Leinwand tanzen schwarze und weisse Vierecke, drehen sich umeinander, falten sich auseinander, verdoppeln, vervierfachen sich, immer weiter, ein Schachbrett, dann ein Fliesenboden, nun ziehen sie sich wieder zu wenigen zusammen. Über dem schwarzweissen Muster zuckt und pulsiert ein roter Fleck wie ein freigelegtes Herz.
Mit solchen abstrakten Videoanimationen befindet sich Ivan Engler auf Erfolgskurs. Mit seiner allerersten, "Optical Noize IV", gewann er den nationalen Förderpreis des internationalen Film- und Videofestivals VIPER in Luzern. "Optical Noize" lief an über 20 Festivals europaweit. Seither ist Ivan Engler ein gefragter Mann: An Parties und Konzerten geben seine improvisierten Farb- und Formvisionen den passenden Hintergrund zur elektronischen Musik.
Das bekomme ich zu spüren: Zweimal an diesem Nachmittag muss Ivan Engler den Termin für unser Gespräch verschieben. Vorbereitungen für eine Performance an der "Lethargy", einer der Riesenparties nach der Zürcher Streetparade, nehmen seine Zeit in Anspruch. Schliesslich halten wir unser Treffen bei einem gemeinsamen Nachtessen ab. Ivan Engler wählt ein vegetarisches Restaurant in der zürcher Innenstadt. Exotische Menus, Jugendstilprunk, High-Tech-Ausrüstung für das Servicepersonal.
"ich nehme hier meist dasselbe Menu", sagt Ivan Engler. Das erstaunt mich, zeugen doch seine Werke von Experimentierfreudigkeit.
Denn Ivan Engler macht nicht nur Videoanimationen. Während seinem Medizinstudium beginnt er mit Literatur. Einen Erzählband mit Kurzgeschichten habe er veröffentlicht, aber nur in kleiner Auflage. 1993 besucht er die Vorführungen der Jugend-Film- und Videotage in Zürich und denkt sich: "Jungs, was ihr könnt, das kann ich auch!" So entsteht "Quecksilber", ein kurzer, düsterer Film über die Depressionen eines jungen Mannes. Prompt gewinnt Engler damit einen Sonderpreis der Jugend-Film- und Videotage 1994 - für "atmosphärische Gestaltung". Stark dazu beigetragen hat die von ihm selbst komponierte, äusserst dichte Filmmusik. Heute besucht er im dritten Jahr die Film/Video-Klasse der Hochschule für Gestaltung in Zürich.
Flow
Aus der Leidenschaft zur Musik und zu den bewegten Bildern ist unterdessen ein echter Beruf geworden. Ivan Engler verdient gut für seine Videoanimationen. Das klingt verlockend. Drei Abende im Monat arbeiten und den Rest geniessen?
Das ist gar nicht Ivan Englers Sache. Ausruhen interessiert ihn nicht. "Ich nehme ja eigentlich keine Drogen", führt er aus, "aber ich brauche auch einen Kick. Für mich ist der Kick das Leben am Abgrund." Er geniesse es, an seine Grenzen zu gehen - Grenzen der geistigen und körperlichen wie der finanziellen Belastbarkeit. Ivan Engler sucht die Hektik des Grosstadtlebens, den vollen Terminplan, die Arbeit bis tief in die Nacht.
Er nennt seinen Lebensstil den "suchenden" oder den "urbanen". Ich komme darauf zurück: Er hat von "Grosstadt" gesprochen. Träumt er von einem Leben in den Metropolen, in Berlin, London, New York? "Zürich ist eine Grossstadt", sagt Ivan Engler. Hier existiere eine lebendige, pulsierende Szene, in die er sich einklinke. "Ausserdem würde mir an einem anderen Ort das Beziehungsnetz fehlen, das meinen Lebensstil hier erst möglich macht."
Seine Zukunft hat er noch nicht geplant. Einige Ideen hat er, er überlässt jedoch vieles dem "Flow of Destiny" wie er es ausdrückt. Ein Lebensstil, der nicht plant, sondern die Dinge sich ergeben lässt. So ist auch "Optical Noize IV", der Grundstein seines Erfolges, durch Zufall entstanden. "Ich hatte für einen Auftrag zwei Videomischpulte gekauft. Eines davon konnte Bilder Vervielfältigen, das andere ein Bild in ein anderes hineinstanzen." Er experimentrierte ein wenig damit, nur mit den Standbildern der Geräte. Ein Freund, der vorbeikam, war davon begeisteret und schlug ihm vor, sich damit bei der VIPER zu bewerben. Ivan Engler zögerte. Erst am Tag vor Einsendeschluss entschied er sich, mitzumachen - der Rest ist Geschichte
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